Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2019 – Eine Social Media Analyse

Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2019 – Eine Social Media Analyse

Saskia Grote
23 Juli 2019

Am 7. Juli 2019 hallten die Jubelschreie von 60.000 begeisterten Fans durch die Tribünen des Parc Olympique Lyonnais im französischen Lyon. Diese sahen dem finalen Showdown der Frauen-Weltmeisterschaft 2019 gespannt entgegen. Alleine in den USA sahen sich weitere 14,3 Millionen Zuschauer das Spiel von zuhause aus über ihre Bildschirme an. Nach einem überzeugenden 2:0 Sieg gegen die Niederlande holte sich die US-amerikanische Frauenfußballmannschaft an diesem Abend den vierten WM-Titel der Frauen – mit einem Elfmeter von Megan Rapinoe und einem beeindruckenden Schuss von Rose Lavelle mit dem linken Fuß. Die Mannschaft ist jetzt zu ihren Fans nach Hause zurückgekehrt, um ihren Sieg zu feiern, aber ihre Mission, den Sport bekannter zu machen, ist noch lange nicht vollbracht.

Wir haben die mediale Präsenz der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2019 mit unserer Media Intelligence Plattform beobachtet und ausgewertet.

Meltwater Infografik Fußball WM Frauen

Seit Jahren findet der Frauenfußball im Schatten der männlichen Version statt. Mit einem unverhältnismäßig hohen Preisgeldbetrag für den Männersport und mangelnden Investitionen für die weiblich besetzte Variante der Sportart stehen Fußballerinnen vor großen Herausforderungen. Aber der härteste und am längsten andauernde Kampf ist der für ein gleiches Gehalt. 2016 wurde von fünf hochrangigen US-amerikanischen Fußballspielerinnen der erste wichtige Schritt unternommen, um dieses Problem zu beheben. Diese reichten eine Klage wegen Lohndiskriminierung ein, um für gleiches Gehalt – unabhängig vom Geschlecht – zu kämpfen. Seitdem hat die Bewegung Fahrt aufgenommen und die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in diesem Jahr war der Wendepunkt.

Der Funke des Frauenfußballs springt langsam über

Bei dieser WM lag im Vergleich zu der im letzten Jahr spürbar etwas in der Luft. Die US-Mannschaft galt nicht mehr als der Goliath der Fußballszene, der die anderen Mannschaften, die ihm in den Weg kommen einfach niedertrampelt. Obwohl sie der stärkste Konkurrent blieb, sah die amerikanische Mannschaft sich mit gewaltigen Widerständen konfrontiert. Nur durch Einzeltorchancen konnten sie die gegnerischen Teams knapp besiegen. Die Qualität des Fußball hat sich durch die Bank weg verbessert, was zu spannenderen Begegnungen führte. Interessierte Zuschauer – sowohl Fans als auch Journalisten – teilten ihre Begeisterung auch online. Diese Fußballweltmeisterschaft der Frauen wurde im Vergleich zur WM 2015 16.000 Mal öfter in den Medien erwähnt und zählte insgesamt 46,65 Millionen Erwähnungen auf Social Media Plattformen wie Twitter, Foren, Blogs, Tumblr und Facebook. Von kontroversen Schiedsrichter-Entscheidungen bis hin zu heftigen Diskussionen über das Verhalten der Fußballerinnen war die digitale Welt in dieser Saison Feuer und Flamme was den Austausch zur WM anbelangt – ein Zeichen der wachsenden Beliebtheit von Frauenfußball.

Meltwater Infografik Medienabdeckung während der Frauen-Fußball-WM 2019

Eine Frage des Sportgeists

Unsere Auswertungen ergaben, dass die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in den ersten zwei Wochen des Erhebungszeitraums insgesamt 930.000 Mentions auf Social Media erhielt, aber konkrete Online-Konversationen erst nach dem Spiel zwischen den USA und Thailand begannen. Die US-Nationalmannschaft stieß wegen mangelnder Sportlichkeit online auf große Kritik, als sie die Thailänder mit 13:0 besiegte. Kritiker waren über das unerbittliche Streben der Mannschaft nach Toren trotz eines ohnehin schon großen Vorsprungs unglücklich. Zusätzlich wurde jeder einzelne Treffer vehement vom Team gefeiert. Das US-Team wehrte sich gegen die Anschuldigungen der Unsportlichkeit und erwiderte, dass es ein größeres Zeichen der Respektlosigkeit sei, wenn man aus Mitleid zu nett zu seinem Gegner sei. Dieses Spiel löste auch eine breitere Diskussion über die Doppelmoral des männlichen und weiblichen Fußballs und den Mangel an Investitionen aus, die für weibliche Fußballmannschaften in Regionen außerhalb der USA getätigt wurden.

Wie Megan Rapinoe Öl ins Feuer gießt

Viele sind der Meinung, dass es bei dieser Weltmeisterschaft um mehr als nur Fußballs ging. Das Event war eher eine Bühne für relevante soziale Themen wie institutionalisierte Geschlechterungleichheit und Schwulenrechte. Megan Rapinoe, Co-Kapitänin der US-Nationalmannschaft, machte den Weg frei.


Quelle: Time.com
Während der gesamten Kampagne war Rapinoe in ihren Interviews beinah unverschämt offen, ohne dass es ihr leid tat. Ihre starke Persönlichkeit sorgte für heftige Kontroversen, als sie kühn behauptete, sie würde das Weiße Haus niemals besuchen. Sie hatte nie ein Problem damit, ihre Verachtung gegenüber Präsident Donald Trump für seine alles andere als inklusiven Richtlinien und Erklärungen zum Ausdruck zu bringen. Dies löste eine ganze Reihe von Tweets des Präsidenten darüber aus, wie respektlos Rapinoe gegenüber dem Land sei. Daraufhin wurde im Internet eine riesige Diskussion ausgelöst, bei der die Leute begannen, wie bei allen Belangen in Bezug auf amerikanische Politik, Partei zu ergreifen. Von den 860.000 Social Mentions der Weltmeisterschaft in dieser Woche standen 250.000 im Zusammenhang mit Rapinoes Kommentar.

Rapinoe äußerte sich ebenfalls sehr lautstark über die Ungleichheit, mit der Frauen im Sport konfrontiert seien. Sie führte die Bewegung für gleiches Entgelt und Preisgeld an und ist somit zum Gesicht der Bewegung geworden. Als die FIFA zeitgleich mit der Frauen-WM-Endrunde zwischen den USA und den Niederlanden zwei weitere Endrunden mit US-Mannschaften anberaumte, machte Rapinoe die Verantwortlichen unverhohlen auf ihr schlechtes Management aufmerksam – ein Ausdruck für die mangelnde Beachtung des Sports.

Feiern und Tee trinken

In der letzten Woche der WM wurde diese insgesamt 720.000 Mal auf Social Media erwähnt. Während das Finale zwischen den USA und den Niederlanden das größte Spiel der Saison war, sorgte das Halbfinale zwischen den USA und England für den größten Gesprächsstoff im Internet. Das Spiel wurde mit Spannung erwartet, und viele waren der Meinung, dass die Lionesses die USA schlagen würden. Aber das geschah so nicht und die USA siegten mit einem knappen 2:1 Ergebnis. Was jedoch die meisten Online-Konversationen auslöste, war Alex Morgans provokanter Torjubel – sie tat so, als würde sie vor den englischen Fans einen Tee schlürfen. Dieser Moment allein resultierte in über 210.000 Social Mentions.


Quelle: Glamour.com
Zuschauer, die sich über diese Geste ärgerten, begannen schnell damit, ihre Kritik online zu äußern. Der englische Reporter und Autor Piers Morgan bezeichnete diese Art des Torjubels als „an der Grenze zu einer Kriegserklärung“ zwischen den beiden Nationen.

Auch an dieser Stelle entwickelte sich die Diskussion immer mehr hin zum Thema der Doppelmoral zwischen Männern und Frauen im Sport. Alex Morgan antwortete ihren Kritikern mit Beispielen männlicher Fußballer, die ihr Tor mit einem Scherz zelebrierten, beispielsweise indem sie sich in den Schritt griffen oder mit Daumen und Zeigefinger ein „L“ vor ihrer Stirn formten (was das Wort „Loser“, zu Deutsch: „Verlierer“ andeutet). Doch die Zuschauer akzeptieren diese Art der Gesten und unterstützen solche Verhaltensweisen teilweise sogar. Es scheint, dass die Handlungen von Fußballerinnen schärfer und kritischer beäugt werden als die ihrer männlichen Kollegen.

Frauenfußball – Mehr als nur ein Spiel

Unsere Medienanalyse hat gezeigt, dass die entscheidenden Momente der Fußball-WM der Frauen dieses Jahr lediglich die Ungerechtigkeit beleuchteten, unter der die Fußballgemeinschaft und die Gesellschaft insgesamt zu leiden haben. Obwohl die teilnehmenden Nationen bereits nach Hause zurückgekehrt sind und der Hype nachgelassen hat, sind die wichtigen Konversationen, die während des Events gestartet wurden, noch immer in vollem Gange. Angeführt werden diese Diskussionen von Fußballerinnen selbst, die seit Jahren unermüdlich für mehr Anerkennung kämpfen. Der Unterschied nach dieser Weltmeisterschaft? Die Leute hören endlich zu.

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